Wege zum Sein

Die Wahrheit und das Märchen

Jüddisches Märchen, aus  Mutabor  Schule für Märchen und Erzählkultur, Lützelflüh

>Die Wahrheit ging durch die Strassen, ganz nackt, wie am Tag ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus lassen.

Jeder, der sie traf, flüchtete voller Angst vor ihr.

Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Strasse.

Sie war sehr betrübt und verbittert.

Da begegnete sie dem Märchen.

Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen und vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten..

Das Märchen fragte die Wahrheit: „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt, und drehst dich auf den Strassen so betrübt herum?“

Da antwortete ihm die Wahrheit:

„Es geht mir sehr schlecht, ich bin alt und betagt und kein Mensch will mich kennen.“

Hierauf erwiderte ihr das Märchen:

„ Nicht weil du alt bist, lieben dich die Mensche nicht. Auch ich bin sehr alt, und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen.

Siehe, ich will dir das Geheimnis der Menschen enthüllen: Sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig verkleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin, und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden.“

Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens.

Seit damals gehen Wahrheit und Märchen zusammen.<